Inklusive Rekrutierung neu gestalten
Einleitung
Inklusive Rekrutierung bedeutet mehr als die Erfüllung der gesetzlichen Beschäftigungspflicht. Es geht darum, Bewerbungsprozesse so zu gestalten, dass Menschen mit Behinderung von Anfang an gleichberechtigt teilnehmen können. Dieser Leitfaden zeigt, wie deutsche Arbeitgeber Barrieren in jedem Schritt des Rekrutierungsprozesses abbauen können.
Rechtliche Rahmenbedingungen
SGB IX: Pflichten im Bewerbungsverfahren
- Arbeitgeber mit 20+ Arbeitsplätzen müssen freie Stellen der Agentur für Arbeit melden (§ 164 SGB IX)
- Die Schwerbehindertenvertretung muss am Bewerbungsverfahren beteiligt werden
- Schwerbehinderte Bewerber bei öffentlichen Arbeitgebern haben ein Recht auf Vorstellungsgespräch, sofern sie die fachlichen Anforderungen erfüllen
- Das AGG verbietet Fragen nach der Behinderung im Bewerbungsverfahren (mit wenigen Ausnahmen)
AGG-konforme Stellenausschreibungen
- Keine diskriminierenden Formulierungen
- Hinweis auf Barrierefreiheit und Willkommenserklärung für Bewerbungen von Menschen mit Behinderung
- Anforderungsprofil auf tatsächlich notwendige Fähigkeiten beschränken
Barrierefreie Stellenausschreibungen
Sprache und Format
- Einfache, klare Sprache verwenden (Leichte Sprache als Ergänzung anbieten)
- Anforderungen auf das Wesentliche beschränken – überlange Listen schrecken ab
- Ausschreibung in barrierefreien Formaten bereitstellen (PDF/UA, HTML)
- Alternative Kontaktmöglichkeiten angeben (Telefon, E-Mail, Video)
Inklusive Formulierungen
- „Wir begrüßen Bewerbungen von Menschen mit Behinderung" explizit aufnehmen
- Hinweis: „Bitte teilen Sie uns mit, welche Anpassungen Sie im Bewerbungsverfahren benötigen"
- Disability Confident-ähnliche Selbstverpflichtungen kommunizieren
Barrierefreie Bewerbungsportale
Digitale Barrierefreiheit
- Bewerbungsportal nach WCAG 2.1 AA und BITV 2.0 gestalten
- Kompatibilität mit Screenreadern sicherstellen
- Zeitlimits großzügig setzen oder deaktivierbar machen
- Captcha-Alternativen für Menschen mit Sehbehinderung
- Upload-Funktion für verschiedene Dateiformate
Alternative Bewerbungswege
- Bewerbung per E-Mail als Alternative zum Online-Portal
- Telefonische Bewerbung ermöglichen
- Videobewerbung als Option anbieten
- Bewerbung in Leichter Sprache akzeptieren
Inklusive Vorstellungsgespräche
Vorbereitung
- Barrierefreien Zugang zum Gesprächsort sicherstellen
- Vorab nach Anpassungsbedarf fragen (schriftlich)
- Gebärdensprachdolmetscher rechtzeitig organisieren
- Unterlagen vorab in zugänglichen Formaten bereitstellen
Durchführung
- Strukturierte Interviews mit standardisierten Fragen (reduziert unbewusste Vorurteile)
- Alternative Formen zulassen: schriftliche statt mündliche Antworten, Arbeitsproben statt Assessment Center
- Zusätzliche Zeit einplanen
- Auf nonverbale Kommunikation nicht überbewerten
Bewertungskriterien
- Kompetenzen statt Auftreten bewerten
- Verschiedene Assessmentmethoden anbieten
- Schulung der Interviewer zu unbewussten Vorurteilen (Unconscious Bias Training)
Inklusives Onboarding
- Arbeitsplatzanpassungen vor dem ersten Arbeitstag umsetzen
- Buddy-System mit erfahrenen Kollegen einrichten
- Integrationsfachdienst frühzeitig einbeziehen
- Barrierefreie Einarbeitungsunterlagen bereitstellen
- Regelmäßige Check-ins in den ersten Monaten
Kooperationspartner
Agentur für Arbeit / Reha-Team
Spezialisierte Vermittler unterstützen bei der Suche nach qualifizierten schwerbehinderten Bewerbern.
Integrationsfachdienst (IFD)
Der IFD begleitet den gesamten Prozess von der Stellenbesetzung bis zur Einarbeitung.
Berufsbildungswerke und Berufsförderungswerke
Kooperationen ermöglichen Zugang zu qualifizierten Fachkräften mit Behinderung.
Ressourcen
- REHADAT talentplus: [talentplus.de](https://www.talentplus.de)
- Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit: [arbeitsagentur.de](https://www.arbeitsagentur.de)
- Inklusionsbarometer Arbeit: [aktion-mensch.de](https://www.aktion-mensch.de)